München (ots) – Anlässlich des 4. Jahrestags des Jemen Konflikts
weist die gemeinnützige Organisation Handicap International (HI) auf
die katastrophale Lage der Zivilbevölkerung hin. HI verurteilt die
weit verbreiteten Bombenangriffe auf bewohnte Gebiete und die
Verwendung von Antipersonenminen in einem Ausmaß, wie es seit
Inkrafttreten des Minenverbotsvertrags von 1999 nicht mehr
vorgekommen ist. Seit 2015 hat Handicap International rund 2.500
Opfer von explosiven Waffen behandelt. 300 dieser Opfer waren
Überlebende von Unfällen mit Landminen. Fast alle von ihnen leben
infolge ihrer Verletzungen nun mit einer Behinderung und werden ihr
Leben lang spezielle Versorgung benötigen.

Die Hilfsorganisation Handicap International unterstreicht, dass
ein inakzeptabel hoher Anteil von Zivilisten durch Bombenangriffe,
explosive Kriegsreste, Landminen, Streumunition etc. getötet oder
verstümmelt wurde. Die Organisation ACLED (The Armed Conflict
Location & Event Data Project) hat seit März 2015 schon 18.000
Luftangriffe verzeichnet. Beobachter berichten über einen
systematischen und weit verbreiteten Gebrauch von Antipersonenminen
in mehreren Regionen des Landes. Jemen zählt heute zu einem der
meistverseuchten Länder der Welt, wenn es um explosive Kriegsreste,
Landminen, improvisierte Sprengkörper und andere Waffen geht. Diese
bedrohen permanent das Leben der eingeschlossenen Zivilbevölkerung.

Trotz internationalen Verbots sind Opfer durch Landminen zu
beklagen

Seit Beginn ihrer Arbeit im Jahr 2015 hat HI über 4.500 Opfer des
Konflikts versorgt. Etwa 2.500 von ihnen waren Überlebende von
Unfällen mit Explosivwaffen: beispielsweise Bomben, explosive
Kriegsreste und improvisierte Sprengkörper. Allein 300 von ihnen sind
Opfer von Landminen. Große Gebiete sind mit einer ganzen Palette an
Waffen verseucht, die durch internationale Verträge verboten sind.
Die Organisation Action on Armed Violence (AOAV) registrierte
zwischen 2015 und 2017 ca. 14.000 Tote und Verletzte infolge
explosiver Gewalt. 76 Prozent der Betroffenen stammten aus der
Zivilbevölkerung, 72 Prozent der Unfälle ereigneten sich mit aus der
Luft abgefeuerten Waffen.

Notfallversorgung mit Reha-Maßnahmen und psychologischer
Unterstützung

Da Landminenunfälle häufig zu Amputationen der unteren Gliedmaßen
führen, hat HI eine Notfallversorgung mit Reha-Maßnahmen aufgebaut,
um die speziellen Bedürfnisse von Kriegsversehrten abzudecken. Durch
Bombenangriffe entstehen komplexe Verletzungen wie offene Wunden,
Brüche, Verbrennungen, zerstörte Muskeln und beschädigte
Nervensysteme. Wenn nicht ab dem Folgetag einer Operation mit
Reha-Maßnahmen begonnen wird, kann es zu Mobilitätsverlust und
Behinderungen kommen, die oft zu sozialer und beruflicher Ausgrenzung
sowie geringerem Einkommen und der Verarmung von Familien führen.
Maud Bellon, Programmdirektorin von HI in Jemen, betont: „Die
Verletzten, um die wir uns kümmern, sind durch die bewaffnete Gewalt
traumatisiert, stehen unter Schock oder leiden an Depressionen. Neben
der körperlichen Rehabilitation – bis hin zu einer Prothese – bieten
wir den Patienten auch psychologische Unterstützung, damit sie ihre
neue Situation besser akzeptieren können.“

Komplexe Krise mit verheerenden Folgen

Der weitverbreitete und wiederholte Einsatz von explosiven Waffen
bewirkt einen Domino-Effekt. Nach vier Jahren Konflikt ist das Land
im Chaos versunken: Jeden Monat werden 600 öffentliche Einrichtungen
zerstört oder beschädigt, insbesondere medizinische Einrichtungen (50
Prozent sind nicht mehr betriebsfähig, obwohl der Bedarf enorm
steigt); die Wirtschaft ist zusammengebrochen. Dies verursacht
Inflation und Knappheit – vor allem bei Nahrungsmitteln – und führt
zur Vertreibung der Bevölkerung. 80 Prozent der Bevölkerung brauchen
aktuell in irgendeiner Form humanitäre Hilfe.

Hilfe für Zehntausende Patienten

HI arbeitet in den Regionen Sana’a und Amanat al Asima in zwei
Rehabilitationszentren und in sechs der größten Krankenhäuser Jemens,
wo Patienten aus allen Regionen des Landes behandelt werden. Handicap
International hat innerhalb von vier Jahren insgesamt über 20.000
Menschen unterstützt, von denen 20.000 Rehabilitation oder
Konsultationen erhalten haben. Die Organisation hat mehr als 21.000
Krücken, Rollatoren, Rollstühle etc. verteilt. Darüber hinaus haben
über 20.000 Betroffene psychologische Unterstützung erhalten. 200
Patienten wurden in Zusammenarbeit mit dem Reha- und
Orthopädiezentrum in Sana’a mit Prothesen oder Orthesen ausgestattet.
Über 500 lokale Gesundheitsfachkräfte wurden sensibilisiert und für
die Versorgung von Traumatisierten geschult. Die Teams von HI
beginnen derzeit ähnliche Aktivitäten in Aden und werden bald in den
Regionen Taez, Hajjah und in der Stadt Hudeidah tätig werden.

Stop Bombing Civilians

Mit ihrer internationalen Kampagne Stop Bombing Civilians, die im
März 2016 gestartet wurde, ruft HI alle Regierungen dazu auf, eine
politische Erklärung gegen den Gebrauch von explosiven Waffen in
bewohnten Gebieten zu erstellen und so die Zivilbevölkerung in
Kriegsgebieten besser zu schützen. HI ruft die breite Öffentlichkeit
dazu auf, die internationale Petition zu unterzeichnen. Bislang wurde
die Petition bereits von 436.000 Menschen unterzeichnet.

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