Frankfurt (ots) – Nun liegt das Vermächtnis von Joe Kaeser auf dem
Tisch. Der Siemens-Aufsichtsrat hat die neue Strategie des
Vorstandsvorsitzenden am Mittwochnachmittag genehmigt. Weil Kaeser
schon vor einigen Wochen seinen Abschied für das Jahr 2021
öffentlich angekündigt hat, wird das Konzept mit dem Namen „Visions
2020+“ den Konzern über seine Amtszeit hinaus prägen. Es ist sein
Erbe.

„Visions 2020+“ erscheint auf den ersten Blick unspektakulär. Zwar
wird die Zahl der Industriesparten reduziert, es soll nur noch drei
operative Geschäftsfelder geben. Doch derartige Umstrukturierungen
leistet sich Siemens mehrmals im Jahrzehnt, letztmals wurde der
Konzern im Oktober 2014 umgekrempelt. Die neue Führungsstruktur mag
ein Einschnitt sein, aber auch im Mai 2014 hat die damals verkündete
„Vision 2020“ vielfältige Personaländerungen gebracht.

Die „Vision 2020+“ ist also keineswegs revolutionär. Dies
offenbart bereits der Name des Konzepts. Trotzdem steckt in den
Leitlinien der Geist einer Revolution. Denn erstmals bekennt sich die
Verwaltung des Konzerns zu Kaesers Konzept, das Konglomerat
aufzulösen. Zur Erinnerung: In der „Vision 2020“ findet sich hierzu
kein einziges Wort. Der Vorstandschef hat mittlerweile trotzdem
Fakten geschaffen. Der Bau von Windkraftanlagen und künftig die
Bahntechnik sind in eigenständigen Unternehmen gebündelt. Indem der
Aufsichtsrat nun qua Spartenneuordnung die Konzentration auf wenige
Aktivitäten festschreibt und die Münchner Zentrale verkleinert,
segnet er Kaesers Vorgehen ab. Das Wortungetüm „Operating Companies“
für die drei Sparten spricht Bände: Ziel ist eine größere
unternehmerische Freiheit.

Klar ist aber auch: Kaeser hätte sich nicht nur den Geist der
Revolution, sondern umwälzende Taten gewünscht. Der Manager steht vor
einem Paradox: Obwohl er einst als Erster der Auflösung von
Konglomeraten das Wort redete, führt er weiterhin einen
Gemischtwarenladen. Schließlich liegt die Mehrheit an Windkraft und
Bahntechnik in München. General Electric und Philips dagegen gelingt
die Fokussierung schneller. Sie konnten anders als Siemens
wirtschaftliche Notlagen nutzen, den Umbau intern durchzusetzen.

Mit der „Vision 2020+“ hat Kaeser daher sein Erbe nicht
festgeschrieben, sondern eine Art Grundgesetz vorgelegt. Denn das
Konzept ist flexibel und anpassungsfähig. Es ist kein Endzustand,
sondern bietet viele Möglichkeiten, erneut mit Taten zu überraschen.

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