Gütersloh (ots) –

Quelle: (ots/Walter Blüchert Stiftung)

Jedes fünfte Kind in Deutschland wächst bei nur einem Elternteil
auf. Vielen gelingt ein glückliches Familienleben, viele fühlen sich
aber auch stark belastet und haben deutlich größere
Gesundheitsrisiken als Eltern in Paarbeziehungen. Aber anstatt sie
möglichst umfassend zu unterstützen, machen ihnen Bürokratie,
Steuergesetze und mangelnde Transparenz über Hilfsangebote zusätzlich
das Leben schwer. Auf der Fachtagung „Was (Ein-Eltern-) Familien
brauchen“ diskutierten am vergangenen Dienstag rund 250 Experten
darüber, wie die Situation verbessert werden kann. Ihre wichtigsten
Forderungen: Staatliche Kompetenzen und Leistungen müssen besser
gebündelt, die Betroffenen von Steuern und Abgaben entlastet und
nachweislich wirksame Präventionskonzepte möglichst flächendeckend in
den Kommunen umgesetzt werden.

Aktuelle Zahlen verdeutlichen den Handlungsbedarf. So erhalten von
den 2,4 Mio. Kindern aus Ein-Eltern-Familien knapp die Hälfte keinen
Unterhalt von dem getrenntlebenden Elternteil. Rund 700.000 Kinder
erhalten Unterhaltsvorschuss vom Staat. Viele Alleinerziehende
beantragen diese Leistung jedoch nicht. „Gerade wenn der
unterhaltspflichtige Elternteil unregelmäßig zahlt, muss die Leistung
jeden Monat aufwändig neu berechnet werden. Vor diesem bürokratischen
Aufwand kapitulieren viele Mütter und verzichten auf das Geld, das
ihnen eigentlich zusteht“, sagte Prof. Dr. Anne Lenze von der
Hochschule Darmstadt.

Deutschland sei im europäischen Vergleich außerdem das Land, das
mit Steuern und Abgaben am stärksten auf die Einkommen von
Alleinerziehenden zugreift, so Lenze weiter. „Wir brauchen vor allem
im Niedriglohnbereich dringend den Einstieg in eine
Kindergrundsicherung, um die Betroffenen aus der staatlichen
Abhängigkeit zu befreien und Berufstätigkeit nicht finanziell zu
bestrafen.“

Zu viele Anlaufstellen, zu viel Bürokratie, zu wenig Unterstützung

Wie die Mehrheit der Fachtagungsteilnehmer aus Kommunen und von
sozialen Trägereinrichtungen beklagte sie den „Leistungswirrwarr“ der
verschiedenen Behörden, dem die Alleinerziehenden überwiegend hilflos
gegenüberstünden. Zuständigkeiten müssten stärker gebündelt,
Ansprechpartner vor Ort benannt und Unterstützungsmöglichkeiten
leichter zugänglich gemacht werden. In Umfragen wünscht sich der
Großteil der Alleinerziehenden auch mehr Hilfe bei Behördengängen.

Für den Entwicklungspsychologen Prof. Dr. Peter Zimmermann von der
Bergischen Universität Wuppertal ist Bindung eine zentrale
Voraussetzung für die Entwicklung psychischer und körperlicher
Gesundheit von Alleinerziehenden und ihren Kindern. Frühzeitige
Prävention im Bereich der elterlichen Feinfühligkeit und im Aufbau
sicherer Bindungen der Kinder können wesentlich dazu beitragen, die
oft vielfältigen familiären Belastungen zu bewältigen und Resilienz
zu entwickeln.

„Nicht die Alleinerziehenden sind das Problem. Die unzureichende
Unterstützung ist das Problem“, ergänzte Prof. Matthias Franz vom
Universitätsklinikum Düsseldorf. So erkrankten Alleinerziehende etwa
dreimal häufiger an Depressionen als Mütter und Väter aus
Paarfamilien. Auch ihre Kinder seien dadurch oft mitbetroffen, was
sich in einer selteneren Teilnahme an U-Untersuchungen oder
Verhaltensauffälligkeiten zeige. Der Psychosomatiker und
Psychotherapeut sieht die Gesellschaft in der Bringschuld: „Wir
müssen die Alleinerziehenden stärken und ihnen das Gefühl geben, gute
Mütter zu sein, statt sie zusätzlich mit Schuldgefühlen zu belasten“,
so Matthias Franz.

Wirksame Unterstützungskonzepte konsequent umsetzen

Einen wichtigen Beitrag dazu können nachweislich wirksame
Präventionsangebote wie das von Prof. Dr. Franz entwickelte
Bindungstraining „wir2“ leisten. Darin lernen Alleinerziehende unter
fachkundiger Anleitung, besser mit belastenden Alltagssituationen
umzugehen und dem Kind eine sichere Bindung zu vermitteln. Das von
der Walter Blüchert Stiftung geförderte Programm wird gemeinsam mit
verschiedenen Kooperationspartnern inzwischen bundesweit an mehr als
30 Standorten angeboten. „Das Programm ist wissenschaftlich
evaluiert, zeigt messbare Wirkung und steht direkt zum Einsatz
bereit. Was wir jetzt brauchen, sind mehr Kommunen und
Kooperationspartner, die es vor Ort umsetzen, um die
Alleinerziehenden spürbar zu entlasten“, so Stiftungsvorstand Prof.
Dr. Gunter Thielen.

Zu der Fachtagung in Köln hatte die Gütersloher Walter Blüchert
Stiftung in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Düsseldorf, dem
Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln sowie dem
Landschaftsverband Rheinland bundesweit eingeladen. Moderiert wurde
sie von der Fernseh-Journalistin Brigitte Büscher.

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