Karlsbad (ots) – Mathematik ist für viele ein Buch mit sieben
Siegeln. Ergotherapeuten wie Andrea Hassel vom DVE (Deutscher Verband
der Ergotherapeuten e. V.) wissen jedoch: „Jedes Kind kann rechnen
lernen“. Im spielerischen Umgang mit Mengen und Zahlen befähigen sie
Kinder, den Transfer vom Spielen, einer für sie alltäglichen
Aktivität, in abstraktes Rechnen zu bewerkstelligen. Und beherzigen
dabei auch Erkenntnisse wie etwa die des Hirnforschers Manfred
Spitzer, der sagt, dass der Mensch zum Lernen geboren ist. Und zeigt,
wie die Bedingungen für erfolgreiches Lernen aussehen.

Leiden Kinder, die beim Rechnen Probleme haben, an einer Störung
oder Erkrankung? Oder liegt es an der Art des Unterrichts? Die
Ansichten dazu gehen auseinander. Tatsache ist jedoch, dass in jeder
Grundschulklasse Kinder sitzen, die nicht so schnell oder so gut
rechnen können wie andere. Sie benötigen Hilfe. Dieses Ziel verfolgt
die AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen
Fachgesellschaften e.V.), indem sie in ihrer Leitlinie
„Rechenstörung“ eine frühzeitige ergotherapeutische Förderung
vorsieht. Ergotherapeuten sollen bei diesen Kindern alleine oder
zusammen mit anderen Fachdisziplinen eine positive Entwicklung in der
Mathematikkompetenz herbeiführen.

Für leichten Umgang mit Zahlen mehr als Rechentraining nötig

Bemerken Eltern, dass ihr Kind beim Rechnen die Finger einsetzt,
kann dies ein Zeichen dafür sein, dass es mit den abstrakten Zahlen
keine Mengen verbindet. Es gibt viele Kinder, denen es so geht.
Manche Eltern finden es niedlich, wenn ihr Kind abzählt. Oder sie
fühlen sich an ihre eigene Kindheit erinnert, weil es ihnen genauso
erging. „Rechnen und Mathematik ist für viele ein regelrechtes
„Hassfach“, weiß die Ergotherapeutin Andrea Hassel und betont: „Fällt
einem Kind das Rechnen schwer, kommt es in der Schule im
Mathematikunterricht nicht mit oder braucht zu lange für die
Mathe-Hausaufgaben, ist es sinnvoll, am besten so früh wie möglich
mit dem Kinderarzt darüber zu sprechen.“ Er kann Ergotherapie
verordnen. „Denn selten sind Faulheit oder nur fehlende
Aufmerksamkeit Ursachen schlechter Leistungen in Mathematik“,
widerlegt die Ergotherapeutin den Irrglauben, anfängliche
Schwierigkeiten beim Rechnen ließen sich etwa durch mehr Üben oder
Nachhilfe beheben. Es sind andere Mechanismen, die dazu führen, dass
Kinder verstehen, wie Rechnen funktioniert.

Mit Überraschungen Lerneffekte erzielen, Zahlen mit Mengen
verknüpfen

Kinder, die zu der Ergotherapeutin Andrea Hassel kommen, erleben
von Anfang an Überraschungen: Statt am Tisch zu sitzen und Mathe zu
üben, spielen Erst- und Zweitklässler beispielsweise zunächst mit
einem zum Passagierdampfer oder zum Überlandbus ausgebauten
Eierkästchen und Plastikfigürchen Erlebnisse aus ihrem Alltag nach.
Zehn Plätze in Bus oder Schiff sind da, es steigen Menschen ein und
aus. Die Ergotherapeutin fragt bei jedem Halt, wie viele Plätze frei
sind, wie viele Menschen noch im Boot sitzen. So verstehen die Kinder
Rechnen innerhalb der Handlung. Oder – das reizt vor allem die
Mädchen – sie machen gemeinsam Futterpläne fürs Pferd, zerlegen die
Futtermenge in Möhren und Haferkörner. Die Kinder erfassen dadurch
Zahlen als Menge, realisieren gar nicht, dass sie gerade Mathe üben –
Addition und Subtraktion im Zahlenraum bis zehn. Spielerisch eben.
Und so, dass Rechnen und der Umgang mit Zahlen Spaß machen. Da fällt
es leicht, aufzubauen. Denn: das ist nur der erste Schritt. „Es ist
schon etwas mehr zu tun“, erklärt die Ergotherapeutin. Sie hat in
vielen Jahren Arbeit mit Kindern, die den Umgang mit Zahlen bei ihr
erlernt haben, zahlreiche Ideen entwickelt und in ein Konzept
zusammengeführt, den „Zahlenführerschein“. Dabei geht es in zehn
Schritten zu mehr Kompetenz im Rechnen. Immer spielerisch verpackt
und abwechslungsreich. Und auf unerwartete Weise, ganz im Sinne der
aktuellen Hirnforschung, die bestätigt: so lassen sich die besten
Lerneffekte erzielen.

Rechnen im Sekundentakt entschärft Stresssituationen durch
Automatisieren

Erleben die Kinder erste Erfolge beim ungeliebten Rechnen,
schüttet ihr Gehirn vermehrt Dopamin aus, das ebenso wie Serotonin
als Glückshormon gilt. Ihre Eigenmotivation nimmt dadurch zu. Ein
guter Zeitpunkt, weiter voranzugehen und das Gelernte zu
Automatisieren. Auch dazu hat sich die Ergotherapeutin Hassel eine
Reihe von Spielen ausgedacht, die sie mit Bewegung kombiniert. In
schneller Abfolge und hoher Frequenz lässt sie die Kinder antworten,
das Gelernte vertieft sich, wird zum Wissen. Je besser das Wissen
automatisiert ist, desto schneller ist es abrufbar – eine wichtige
Voraussetzung, um bei Klausuren oder in Stresssituationen erfolgreich
zu sein und richtig zu rechnen. Manche Kinder benötigen darüber
hinaus weitere Unterstützung und Stärkung. Ergotherapeuten gehen bei
ihren Interventionen grundsätzlich individuell vor, so auch hier. Sie
finden gemeinsam mit dem Kind passende Strategien, um in schwierigen
Situationen mental stark zu sein. Das kann alles Mögliche sein: ein
‚Zauberstein‘, ein Glücksbringer oder irgendetwas anderes – etwas,
was eben genau für dieses Kind passt, woran es glaubt, dass es in
diesem Moment Glück bringt, stark macht. Und das funktioniert dann
auch tatsächlich.

Kinder emotional stärken und Eltern einbeziehen

Das, was äußerlich betrachtet „nur“ Probleme beim Rechnen sind,
betrifft auch die emotionale Ebene. Was geht in diesen Kindern vor?
„Sie merken natürlich selbst, dass sie etwas schwer oder gar nicht
können, was den anderen Kindern leichtfällt“, beschreibt die
Ergotherapeutin, warum sich diese Kinder minderwertig fühlen. Oder
sich in etwas hineinsteigern wie ‚Mathe ist blöd, ich kann das
einfach nicht‘. Manche bekommen zuhause Ärger und mit der Zeit
verändert sich das Verhältnis der Eltern zu ihrem Kind. Es bauen sich
Fronten auf, es gibt Streit wegen der Hausaufgaben. Es kann sogar
dazu kommen, dass Eltern ihr Kind ablehnen. Die Ergotherapeutin
Hassel misst ebenso wie ihre Berufskollegen der Elternarbeit eine
große Bedeutung zu. Erklärt den Eltern beispielsweise, dass es nicht
zwingend ein intellektueller Mangel ist, sondern andere Gründe haben
kann, weshalb ihr Kind Schwierigkeiten mit Zahlen hat und beim
Rechnen nicht so gut mitkommt. Und dass sie, die Ergotherapeuten,
andere Wege einschlagen, um Wissen zu vermitteln. Parallel stärken
sie die Kinder emotional. Und zeigen ihnen immer wieder, was in ihnen
steckt und vor allem: dass sie rechnen können.

Informationsmaterial zu den vielen Themen der Ergotherapie gibt es
bei den Ergotherapeuten des DVE (Deutscher Verband der
Ergotherapeuten e.V.); Ergotherapeuten in Wohnortnähe auf der
Homepage des Verbandes im Navigationspunkt Service und
Ergotherapeutische Praxen, Suche.

Pressekontakt:
Angelika Reinecke, Deutscher Verband der Ergotherapeuten,
a.reinecke@dve.info

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Quelle: https://www.presseportal.de/pm/106910/4370745