Berlin (ots) –

Quelle: (ots/Messe Berlin GmbH)

In den vergangenen 50 Jahren hat sich die globale
Nahrungsmittelproduktion verdreifacht. Dennoch leiden noch immer mehr
als 821 Millionen Menschen an Hunger und über 2,5 Milliarden sind
mangelernährt. Die Weltbevölkerung steigt weiter und benötigt immer
mehr Ressourcen wie Wasser, Land und Energie. Lösungen müssen also
her, die es der Landwirtschaft ermöglichen, ihre Erträge zu steigern
und zugleich ressourcen- und umweltschonender zu wirtschaften. Die
Digitalisierung bietet hier großes Potenzial. Doch wie kann erreicht
werden, dass alle Landwirte Zugang zu diesen Technologien erhalten
und sie nutzen können? Und wie können dabei Datensicherheit und
Datenhoheit gewährleistet werden? Dies waren zwei der zentralen
Fragen, die auf dem 11. Global Forum for Food and Agriculture (GFFA)
diskutiert wurden. Über 2.000 Vertreter aus Politik und Wirtschaft,
Wissenschaft und Zivilgesellschaft nutzten die 14 Fachpodien und zwei
High Level Panels zum Erfahrungsaustausch. Erstmals hatten zudem
aufstrebende Start-ups im Rahmen des GFFA die Möglichkeit, in einem
Zukunftsforum über ihre digitalen Produkte und Dienstleistungen zu
informieren, und Wissenschaftler aus verschiedenen
Forschungseinrichtungen stellten ihre Arbeit zu digitalen Lösungen in
einem „Science Slam“ vor.

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EU-Agrarkommissar Phil Hogan beklagte auf dem High Level Panel der
Europäischen Kommission die digitale Kluft in Europa: Noch immer
seien viele ländliche Gebiete nicht ausreichend mit
Breitbandtechnologie versorgt. „Dies ist nicht nur eine Gefahr für
die Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch für die Wirtschaftskraft der
Regionen“, so Hogan. Die EU-Mitgliedstaaten sollten die
Digitalisierung nicht nur in ihre Politikplanung aufnehmen, sondern
vor allem sicherstellen, dass die Programme und Technologien auch
tatsächlich um- und eingesetzt werden.

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Agrarministerin Julia Klöckner, die das GFFA in Anspielung auf das
Weltwirtschaftsforum als das „Davos der Landwirtschaft“ bezeichnete,
hat hierzu eine klare Vorstellung: „Ich möchte mein Ministerium zum
digitalen Referenzministerium für die Bundesregierung machen.“ 15
Millionen Euro will die Ministerin hierfür zwischen 2019 und 2022
jährlich zur Verfügung stellen. Damit sollen auf landwirtschaftlichen
Betrieben deutschlandweit digitale Testfelder eingerichtet werden,
auf denen ermittelt wird, welchen Beitrag die Digitalisierung konkret
leisten kann – zum Umwelt- und Ressourcenschutz, zum Tierwohl, aber
auch zur Arbeitserleichterung und zum Verbraucherschutz.

Beispiele hierfür hatte ihr Amtskollege aus Australien,
Landwirtschaftsminister David Littleproud, parat. Vier Bundesstaaten
des dürregeplagten Kontinents nutzen gemeinsam Satellitentechnologie,
um den Beweidungsdruck durch Schafe zu messen. Die Tiere sind dafür
mit einem Transponder ausgestattet, mit dessen Hilfe ihr Standort
ermittelt wird. Die Fleischgüte von Schlachttieren wird über einen
Scanner bestimmt, was eine neutrale Qualitätsbewertung erlaubt und
Konflikte zwischen Erzeugern, Verarbeitern und Verbrauchern vermeiden
hilft. „Wir investieren massiv in die Digitalisierung der
Landwirtschaft. Und das zeigt Früchte: Zum ersten Mal in meinem Leben
ist Landwirtschaft wieder sexy, kommen junge Leute in den ländlichen
Raum zurück“, so Littleproud.

Dass junge Menschen fit für die digitale Revolution gemacht werden
müssen, unterstützt auch die EU-Kandidatin für den Posten der
Generaldirektorin der Welternährungsorganisation (FAO), Catherine
Geslain-Lanéelle. Allerdings dürfe dabei niemand zurückgelassen
werden. „Wir haben es in weiten Teilen der Welt mit einer alternden
Gesellschaft zu tun und müssen sicherstellen, dass auch ältere
Landwirte Zugang zu den neuen Technologien haben“, forderte die
ehemalige Leiterin der Europäischen Behörde für
Lebensmittelsicherheit (EFSA).

Der amtierende FAO-Generaldirektor José Graziano da Silva betonte
auf dem High Level Panel seiner Organisation die Chancen der
Digitalisierung für Kleinbauern. Diese stellen rund 90 Prozent der
landwirtschaftlichen Betriebe weltweit und stehen für rund 56 Prozent
der Nahrungsmittelproduktion. Für viele Kleinbauern sei es aber
nahezu unmöglich, ihre Produkte zu verkaufen, da sie keinen Zugang zu
den Märkten haben. Im Internet sieht Graziano da Silva eine
Schlüsseltechnologie. „Wenn die Landwirte über das Netz verbunden
sind, können sie auch mit kleinen Mengen am Markt auftreten und so
ihre wirtschaftliche Situation verbessern“, ist der
FAO-Generaldirektor überzeugt.

Dies bestätigte auch Chinas Vizeminister für Landwirtschaft und
ländliche Räume, Qu Dongyu. Bis 2020 sollen Hunger und absolute Armut
in China der Vergangenheit angehören. Seine Regierung fördert die
Verbreitung von Mobiltelefonen und schnellem Internet auf dem Land
und will vor allem den boomenden Online-Handel weiter vorantreiben.
Um junge Landwirte mit potenziellen Verbrauchern in den Städten zu
verbinden, können sie sich auf eigens organisierten Messen über
entsprechende Apps informieren. „Ich wohne in Peking und kann die
hausgemachten Produkte meiner Mutter bestellen“, freut sich der
Vizeminister.

Bei allen Chancen der Digitalisierung dürfe man nicht deren
Risiken unterschätzen, mahnte die Staatssekretärin für
Verbraucherschutz und Antidiskriminierung in der Senatsverwaltung
Berlin, Margit Gottstein. „Wer über Datenmacht verfügt, nimmt
entscheidenden Einfluss auf die Wertschöpfungsketten.“ Die sozialen
Medien hätten es vorgemacht: Nur wenige Plattformen zur
Datengenerierung und zum Datenaustausch haben sich flächendeckend
durchgesetzt. Eine ähnliche Entwicklung könnte die Landwirtschaft
durchlaufen. Gottstein warnte vor einer weiteren Machtkonzentration,
beispielsweise bei Saatgutherstellern oder in der Landtechnik.

Die Gefahr sieht auch der Staatssekretär der argentinischen
Regierung für Agro-Industrie, Luis Miguel Etchevehere. In dem Land,
das sechsmal so groß wie Deutschland ist, werden jährlich 34
Millionen Hektar Ackerfläche bepflanzt. „Intelligente“ Maschinen
sorgen dafür, dass die Landwirte schon bei der Ernte wissen, was sie
im nächsten Jahr an Saatgut benötigen. Doch was passiert mit all den
gesammelten Informationen? „Wir werden im März eine Online-Plattform
einführen, über die wir Unternehmen unter anderem befragen, welche
Daten sie mit ihren Maschinen erheben und wie sie diese nutzen“,
sagte Etchevehere. Firmen, die sich beteiligen und hier freiwillig
für Transparenz sorgen, sollen durch ein Gütesiegel belohnt werden.

„Wir haben schon immer gesagt, dass die Daten nicht dem
Unternehmen gehören, sondern dem Farmer, und dass sie nur für den
Zweck genutzt werden dürfen, für den sie erhoben wurden“, sagte das
Vorstandsmitglied der Bayer AG, Liam Condon. Der Leiter der Abteilung
„Crop Science“ versicherte, dass die von seinem Unternehmen
gesammelten Daten nicht für die Erstellung von Algorithmen genutzt
werden und auch nicht an Dritte weitergegeben werden. Landwirt
Andreas Dörr, der auf seinem 1.000-Hektar-Betrieb in der Rhön schon
seit 1998 auf digitale Lösungen setzt, sieht das pragmatisch: „Bei
sensiblen Betriebsdaten, beispielsweise Pachtverträgen, ist mir
Datensicherheit sehr wichtig. Wenn es aber um vernetzte
Maschinendaten geht und ich über meine App beispielsweise die
Algorithmen zur Unkrauterkennung verbessern kann oder der
Landtechnikhersteller die Daten nutzt, um die Maschinen zu
verbessern, habe ich kein Problem damit.“

Den politischen Höhepunkt der dreitägigen Veranstaltung bildete
traditionsgemäß die 11. Berliner Agrarministerkonferenz. Zum ersten
Mal in der Geschichte des GFFA sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel
vor den Landwirtschaftsministerinnen und -ministern aus 74 Staaten
sowie Vertretern zahlreicher internationaler Organisationen. Die
Kanzlerin legte dabei das Augenmerk auf die Chancen der
Digitalisierung – für die Bekämpfung des weltweiten Hungers, aber
auch, um mit einer nachhaltigen Landwirtschaft die Ziele des Pariser
Klimaschutzabkommens umzusetzen. Der digitale Wandel bedeute für
viele Länder allerdings einen riesigen Sprung, der mit enormen
kulturellen Veränderungsprozessen verbunden sei, so Merkel. „Damit
der Mensch im Zentrum der Dinge bleibt, brauchen wir Regulierung,
einen Rahmen, der Rechtssicherheit bringt“, forderte die Kanzlerin.
Solch ein Rahmen müsse international abgestimmt werden.

Die anwesenden Regierungsvertreterinnen und -vertreter
verpflichten sich in ihrem Abschlusskommuniqué, nach Lösungen zu
suchen, um die bestehende digitale Kluft zu verringern und den Zugang
zu digitalen Technologien in der Landwirtschaft weltweit zu
verbessern. Hierfür soll die FAO das Konzept für einen unabhängigen
internationalen Digitalrat ausarbeiten. Dieser soll die Länder in
Fragen der Digitalisierung beraten und den Austausch von Ideen und
Erfahrungen vorantreiben. Zudem soll die UN-Organisation in
Zusammenarbeit mit anderen Akteuren eine Technikfolgenabschätzung zu
den Chancen und Risiken der Digitalisierung für die Landwirtschaft
und die ländlichen Räume erarbeiten. Und sie soll eine Methodik
entwickeln, um den Digitalisierungsgrad in den einzelnen Ländern und
Regionen der Erde zu ermitteln. Diese „Digital-Diagnose“ soll zeigen,
wie weit sie jeweils in der Digitalisierung sind, um im Anschluss
passgenaue Lösungen für jede Region zu finden. „Die Entscheidung zur
Einrichtung eines internationalen Digitalrates ist ein Durchbruch!“,
sagte Agrarministerin Klöckner zum Abschluss der Konferenz und
versprach, die begonnenen Diskussionen auf dem GFFA 2020
fortzusetzen.

Das Global Forum for Food and Agriculture (GFFA) wird seit 2009 im
Rahmen der Internationalen Grünen Woche Berlin veranstaltet. Auf der
hochkarätigen Konferenz treffen sich Expertinnen und Experten aus der
ganzen Welt für drei Tage in Berlin, um über zentrale Zukunftsfragen
der globalen Landwirtschaft und Welternährung zu diskutieren. In
diesem Jahr stand die Konferenz unter dem Motto „Landwirtschaft
digital – Intelligente Lösungen für die Landwirtschaft der Zukunft“.

Pressekontakt:
Messe Berlin GmbH
Wolfgang Rogall
Stellv. Pressesprecher
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Quelle: https://www.presseportal.de/pm/6600/4170919