Berlin (ots) – Kurzform: Es kommt selten vor, dass eine Studie die
eigene Lebenswelt so zielgenau trifft, dass man zusammenzuckt. Bei
dieser Studie ist es so: Die neue Allensbach-Umfrage zum Lebensgefühl
der „Generation Mitte“ trifft einen wunden Punkt. Die Bundesbürger
zwischen 30 und 59 Jahren beklagen wachsenden Egoismus,
Respektlosigkeit und Aggressivität. Im Straßenverkehr, auf
öffentlichen Plätzen, in Bus und Bahn. Kurz: Die Ellenbogen sind
ausgeklappt. Nachsicht, Rücksicht und Vorsicht findet man immer
seltener.

Der vollständige Leitartikel: Es kommt selten vor, dass eine
Studie die eigene Lebenswelt so zielgenau trifft, dass man
zusammenzuckt. Bei dieser Studie ist es so: Die neue
Allensbach-Umfrage zum Lebensgefühl der „Generation Mitte“ trifft
einen wunden Punkt. Die Bundesbürger zwischen 30 und 59 Jahren
beklagen wachsenden Egoismus, Respektlosigkeit und Aggressivität. Im
Straßenverkehr, auf öffentlichen Plätzen, in Bus und Bahn. Kurz: Die
Ellenbogen sind ausgeklappt. Nachsicht, Rücksicht und Vorsicht findet
man immer seltener. Das ist bitter. Umso mehr, weil es Deutschland
eigentlich vergleichsweise gut geht. Das ist das eine. Das andere
ist: Dieser Trend fällt nicht vom Himmel. Dieser Trend ist selbst
gemacht. Wir sind es, die darunter leiden, aber wir sind es auch, die
unsere Ellenbogen ausklappen. Doch woran liegt das? Es gibt zwei
Antworten. Die eine lautet: Deutschland geht es zwar ökonomisch gut,
die Arbeitslosigkeit ist niedrig, der Wohlstand hoch. Doch im All-
tag stehen die meisten Frauen und Männer in der Generation zwischen
30 und 59 unter höherem Druck als die Generationen davor. Schon
deshalb, weil sie mehr wollen – und mehr sollen als früher: Wir
sollen Beruf und Familie nicht nur irgendwie stemmen. Wir sollen
bitte schön als partnerschaftliches Elternduo, als gelassene Erzieher
und engagierte Arbeitnehmer alles aus uns herausholen. Wir wollen
oder sollen dabei nicht nur bis ins hohe Alter gut aussehen,
körperlich fit sein und täglich zu Hause gesunde Mahlzeiten kochen,
sondern auch noch ehrenamtlich aktiv sein, die Umwelt schützen und
uns um Menschen kümmern, die alles das nicht allein schaffen. Und bei
allem wollen wir natürlich immer pünktlich sein, verlässlich und
ausgeruht. Egal ob die Straßen verstopft sind, der Bus voll ist oder
die S-Bahn ausfällt. Herkules, der antike Held mit den
übermenschlichen Kräften, hätte bei einem solchen Mammutprogramm
abgewinkt – „Nein, danke. Zu anstrengend.“ Die Generation Mitte
dagegen kocht sich einen grünen Tee oder stürzt einen Schnaps runter
und macht weiter. Weil es ja alle machen. Und weil jeder einzelne
Programmpunkt ja für sich genommen sinnvoll und erfüllend sein kann.
Wenn man zwischendurch nur mal zum Durchatmen käme. Kurz und gut:
Dieser Druck muss irgendwo hin. Mal kriegen es die Kinder ab, mal der
Partner. Doch vieles landet eben auch draußen: im Straßenverkehr, in
der U-Bahn, in der Schlange beim Bäcker. Es fängt an mit einem
„Herrje, wie lange soll das hier noch dauern?“, geht über in ruppiges
Rempeln auf der Rolltreppe und endet mit lebensgefährlichen Manövern
am Steuer oder am Fahrradlenker. Je mehr von uns sich so gehen
lassen, desto roher werden die Sitten. Die andere Antwort schürft
tiefer. Es ist die Antwort der Sozialforscher, die beobachten, wie
sich ökonomische Prinzipien gerade bis in die letzten Verästelungen
des Privaten vorarbeiten. Gut sein, besser sein, am besten sein – das
sind Kategorien von Konkurrenz und Optimierung, die nicht nur im Job,
bei der Partnerwahl oder bei der Erziehung der Kinder gelten. Diese
Maximen gelten auch für die Likes der eigenen Social-Media-Profile.
Und damit rund um die Uhr. Die Folge: Eine Generation, die andauernd
und überall messbare Erfolge erreichen will, steht unter permanentem
Druck. Doch was hilft? Es wäre schon mal ein Anfang, statt über die
wachsende Verrohung zu klagen, Verantwortung dafür zu übernehmen. Und
umzusteuern. Denn: Leben wir unseren Kindern weiterhin Dauerdruck als
Normalfall des Lebens vor, drehen die als Erwachsene endgültig am
Rad.

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