Mainz (ots) – Zuweilen bringen unsere Karikaturisten Problemlagen bestechend einfach auf den Punkt. Dem Kollegen Gerhard Mester ist das gestern an dieser Stelle besonders treffend gelungen: Ein Bus mit der Aufschrift „Corona-Politik“ unterwegs auf dem schmalsten aller denkbaren Grate – am linken Abgrund die tödliche Infektionsgefahr, am rechten Abgrund die nicht weniger gefährliche Rezession, die nach einem zweiten Lockdown Unmengen Jobs und gewiss auch Menschenleben kosten würde. Die Karikatur gemahnt auch zur Vorsicht vor einfachen Antworten und vor Besserwisserei. Trotzdem bleibt der Versuch unausweichlich, auch an dieser Stelle die Lage immer wieder neu zu sortieren. Sie ist anders als im vergangenen März – und doch kaum weniger dramatisch. Was schon der Blick zu unseren Nachbarn in Belgien, Frankreich, Polen oder Tschechien zeigt.
Eine erste Ableitung: Deutschland hat es auch diesmal noch in der Hand, glimpflicher durch die zweite Welle zu kommen. Was aber waren die Gründe für diesen relativen Erfolg? Im Kern sind es vier: Wir haben früher reagiert/reagieren können als andere. Kein Land der Welt hat eine so hohe Dichte von Gesundheitsämtern, die das Infektionsgeschehen so kleinteilig nachverfolgen können. Vor allem aber haben die Bürger dieses Landes durch allen Schichten und Gruppen hindurch den Grundsatz verinnerlicht, dass es beim Kampf gegen das tückische Virus mindestens so sehr darum geht, andere zu schützen wie sich selbst. Und viertens: Unsere Politiker lassen sich beraten und entscheiden bei Fragen von Leben und Tod und bei Fragen nach dem Zusammenhalt unseres Gemeinwesens nicht nach dem Prinzip dicke Hose oder populistischer Ignoranz. Auf alle vier Punkte müssen wir uns wieder besinnen – auch wenn die Lage heute eine andere ist: Wir wissen viel mehr über das Virus und stehen nicht vor einem Shutdown wie wir ihn erlebt haben. Das heißt, die Aufrechterhaltung von Kitabetreuung und Präsenzunterricht für Grund- und Unterstufenschüler müssen auch bei einer Verschärfung der Lage ebenso Priorität haben wie die weitgehende Aufrechterhaltung unseres Wirtschaftskreislaufs. Was im Umkehrschluss heißt, dass wir uns wieder auf andere schmerzhafte Einschnitte einrichten müssen. Der Winter wird schließlich fürchterlich lang werden.
Diese Einschnitte werden nicht gerecht sein können, weil Gastronomen und Hotels, Eventagenturen und Kulturschaffende, Amateursportler und Vereine – um nur ein paar zu nennen – wieder einen besonders hohen Preis zahlen müssen. Sie werden dazu aber wohl bereit sein, wenn in den Köpfen erst wieder angekommen ist, was exponentielles Wachstum bei einer Virusinfektion bedeutet, gegen die es noch keine Impfung und keine Medikation gibt. Und wenn nicht so unsinnige Beschlüsse wie das Beherbergungsverbot den Blick auf die relevanten Fragen vernebeln. Womit wir beim entscheidenden Punkt sind: der Akzeptanz der Bürger. Sie war und ist in Deutschland weiterhin erstaunlich hoch. Und auch wenn einzelne Gruppen das Erreichte sprengen können, hilft uns die Stigmatisierung der Jungen und im Besonderen junger Migranten, die europaweit zweifellos zu den Treibern des Infektionsgeschehens gehören, nicht weiter. Ja, weitreichende Einschränkungen bei Feiern und privaten Zusammenkünften sind in den kommenden Monaten nicht vermeidbar. Empfindlichere Bußgelder und auch mehr Kontrollen sind dabei unausweichliche Kommunikations-Instrumente. Wenn wir aber den Anspruch aufgeben würden, den Kampf gegen Covid-19 als Verantwortungsgemeinschaft aller Gruppen bestehen zu wollen, hätten wir ihn schon verloren.

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Quelle:Gratwanderung / Kommentar der Allgemeinen Zeitung Mainz zu den Corona-Maßnahmen


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