Düsseldorf (ots) – Eine ordentliche Krise dürfe man nicht verschwenden, soll Winston Churchill gesagt haben, als es daran ging, nach dem Zweiten Weltkrieg die Vereinten Nationen zu formieren.Die Wortwahl mag zynisch klingen. Aber auch aus der Corona-Pandemie, die als größte Krise seit jener Zeit gilt, ergeben sich Chancen. Manches, was schon problematisch war, ist es jetzt erst recht. Oder umgekehrt, was geboten war, ist es nun noch mehr. Die meisten hierzulande essen gerne regelmäßig Fleisch. Mehr als früher, dank des gewachsenen Wohlstands und wohl auch des großen Angebots zu relativ niedrigen Preisen. Die Corona-Krise bringt mit dem Fall Tönnies ein Unbehagen über die sogenannte Erzeugung von Fleisch und dessen Verarbeitung zum Vorschein, das allerdings längst da war. Dass Menschen ausgebeutet werden, wenn die Preise so niedrig sind, ließ sich auch ohne nähere Kenntnis der Umstände ahnen. Dass Massenzucht und industrielle Schlachtung Lebewesen zu Dingen machen, war vielfach beschrieben worden. Beides blieb spätestens im Supermarkt ausgeblendet, ebenso wie all die anderen Argumente, von Antibiotika bis Regenwald. Das Auge isst mit, aber Steaks und Koteletts, Würsten und Aufschnitt in ihren Verpackungen lässt sich nichts davon ansehen, allenfalls im Kleingedruckten des Etiketts.

Eine Doppelmoral? Kein Mensch ist frei von Widersprüchen. Wer sich beim Fleisch ehrlich macht, muss sich trotzdem nicht ab sofort vegetarisch oder vegan ernähren. Moralin schmeckt bitter. Zur Freiheit gehört auch, über die eigene Ernährung entscheiden zu dürfen. Aber sich ehrlich zu machen, also die eigene Rolle in dieser komplexen, mindestens in Teilen unmenschlichen und schädlichen Prozesskette zu überdenken – das ist nicht zu viel verlangt, und dann würde die Krise an dieser Stelle nicht verschwendet.

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Quelle:Kommentar / Das Moralin im Fleisch = Von Moritz Döbler


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