Bielefeld (ots) – Es gehört zum Wesen der Demokratie, die Wahl zu
haben und bei Wahlen zu verlieren. Es kommt darauf an, was Gewinner
und Verlierer aus dem Wahlergebnis machen. Können sie die persönliche
Konkurrenz vergessen oder zumindest ruhen lassen? Oder suchen sie und
ihre Unterstützer jede Gelegenheit, sich gegenseitig zu schaden, ohne
das gemeinsame Ziel zu verfolgen. Deshalb müssen sich die
Christdemokraten nach der Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer jetzt
nicht unweigerlich zerlegen, was viele Beobachter erwarten. Die CDU
hatte in ihrer Geschichte oft Phasen erbitterten Streites, aber auch
Zeiten des Zusammenhaltes über Meinungsunterschiede hinweg. Das
übrigens meist, wenn es um Machtgewinn oder -erhalt ging. Und genau
darum geht es über den Parteitag hinaus. Da sind die
Bürgerlich-Konservativen pragmatischer als das linke Lager in
Deutschland, das sich wegen ideologischer Prinzipienreiterei
wiederholt gespalten und existenziell geschwächt hat. Annegret
Kramp-Karrenbauer hat in Hamburg eine starke Rede gehalten, politisch
klar und mit wichtigen persönlichen und emotionalen Anmerkungen
versehen. Friedrich Merz gelang es nicht, den Eindruck von gestern zu
sein, abzulegen. Er hatte seinen stärksten Auftritt erst nach seiner
denkbar knappen Niederlage. In der Haltung eines Gentlemans ruft er
zur Einheit auf und bittet die Partei, die neue Vorsitzende zu
unterstützen. Gleiches tut der klare Verlierer Jens Spahn, dessen
Zeit in der CDU sicher noch kommen wird. Für AKK wird es nun wichtig,
ihrer Partei klar zu machen, wie schlecht die CDU eigentlich dasteht.
Ohne die CSU kommt sie bei bundesweiten Umfragen nur noch auf 21
Prozent. Die SPD (14 Prozent) ist in trauriger Sichtweite, Anlass zu
Jubelrufen haben die Konservativen nicht. Von der einstigen stolzen
Volkspartei ist nicht mehr viel übrig. Die eigentliche Gefahr für die
CDU lauert nicht in der eigenen Spaltung, sondern in der Ignoranz,
die Realität wahrzunehmen. Die Schwäche der SPD wiegt sie in
Sicherheit, die Selbstbegeisterung über die Wahlmöglichkeit der
Vorsitzenden vernebelt die Sinne. AKK ist deshalb eine gute Wahl,
weil sie um diese Gefahr weiß und mit beiden Beinen in der
politischen Wirklichkeit steht. Das wird an ihrer eigenen Biografie
deutlich. Die gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische
Situation ist heute völlig anders als vor 18 Jahren, als Angela
Merkel den Vorsitz übernahm. Die Mitte ist nicht mehr automatisch die
Mehrheit, weil deren Interessen unterschiedlich geworden sind. AKK
muss die Partei wieder von vorn führen und nicht abwartend von
hinten. Das erwarten die Mitglieder von ihrer neuen Chefin. Wenn ihr
das gelingt, kann sie ihrer Mentorin Angela Merkel auch ins
Kanzleramt folgen. Jedenfalls kann sie nach der CDU-Kanzlerkandidatur
greifen. Auch diese Entscheidung hat die Partei in Hamburg getroffen.

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