Frankfurt (ots) – Keine Frage, der weltwirtschaftliche Einbruch infolge der Corona-Pandemie ist weniger schlimm ausgefallen als im Frühjahr oder Sommer befürchtet. Keine Frage ist aber auch, dass das nun vom Internationalen Währungsfonds (IWF) für 2020 erwartete Minus von 4,4 Prozent immer noch eine Jahrhundertrezession bedeutet. Die Finanzminister und Notenbankchefs aus aller Welt, die sich in den nächsten Tagen virtuell zur IWF-Jahrestagung und zu den Treffen der G7 und G20 zusammenschalten, mögen etwas aufatmen wollen. Es besteht aber null Anlass für Selbstzufriedenheit – oder dazu, sich zurückzulehnen. Im Gegenteil.

Zwar hat das beherzte Eingreifen von Fiskal- und Geldpolitik im Frühjahr eine wirtschaftliche Abwärtsspirale verhindert, die am Ende kaum zu kontrollieren gewesen wäre. Aber die Krise ist längst nicht vorbei – wie auch die zweite Infektionswelle zeigt. Der wirklich harte Part der Erholung kommt jetzt erst. So wie sich der Fokus dabei von Liquiditäts- auf Solvenzprobleme verschiebt, so muss sich aber auch die Politik wandeln. Jetzt gilt es sehr zielgerichtet zu intervenieren. Statt der Gießkanne braucht es die feine Spritze. Beispiel Unternehmensinsolvenzen: Natürlich wäre es verheerend, wenn es zu einer breiten Pleitewelle kommt, die auch gesunde Unternehmen mit in den Abgrund reißt. Aber genauso gefährlich wäre es auch für das Wachstumspotenzial, in großem Stil „Zombie-Firmen“ zu kreieren und den nötigen Strukturwandel zu unterdrücken.

Gefragt ist deshalb jetzt statt der Geld- primär die Fiskalpolitik, weil sie über die zielgenaueren Instrumente wie Steuer- und Schuldenerleichterungen oder Kapitalinjektionen verfügt. Umso ärgerlicher ist das politische Gezerre in Europa um den Corona-Wiederaufbaufonds. Wenn das Geld wirklich helfen soll, muss es rasch fließen und effizient eingesetzt werden. Und umso bedenklicher ist auch, dass in den USA ein weiteres Konjunkturpaket dem Wahlkampf-Hickhack zum Opfer zu fallen droht. Jetzt ist nicht die Zeit für (partei)politische Scharmützel.

Genauso gefährlich ist aber auch das internationale Gezänk – ob der von US-Präsident Donald Trump im Wahlkampf instrumentalisierte Konflikt zwischen den USA und China oder das unwürdige Schwarzer-Peter-Spiel zwischen Großbritannien und der EU beim Brexit. Die Corona-Pandemie ist ein weltweiter Schock und es braucht deshalb eine weltweite Antwort. Das gilt insbesondere bei der Entwicklung eines Impfstoffs, aber auch bei der wirtschaftspolitischen Reaktion. Die Treffen in Washington sollten alle daran erinnern, dass sie gemeinsam mehr erreichen als jeder für sich.

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Quelle:Spritze statt Gießkanne, Kommentar zur IWF-Tagung von Mark Schrörs


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