Bielefeld (ots) – Mein Gott, mein Gott, warum hast Du uns
verlassen? Das Veto des Vatikans zu den Reformbemühungen der
Kirche in Deutschland muss jeden Christen fassungslos machen. Das
Gutachten der römischen Kurie ist ein Tiefschlag für den
verzweifelten Kampf um Glaubwürdigkeit und hat das Zeug dazu, den
Niedergang des Katholizismus in Deutschland weiter zu beschleunigen.
Einmal mehr erweist sich Papst Franziskus nicht als der Erneuerer,
den Teile der Welt gern in ihm sehen. Mit dem Verweis auf die
»Einheit der Weltkirche« versucht der Vatikan den dringend
notwendigen Reformprozess der Kirche in Deutschland abzuwürgen, noch
bevor dieser richtig an Fahrt gewinnen kann. Überdeutlich wird: Rom
ist sich selbst genug und hat die Zeichen der Zeit immer noch nicht
erkannt. Alle diejenigen, die der katholischen Kirche nie angehört
oder sie längst verlassen haben, werden sich bestätigt fühlen.
Schlimmer aber: Diejenigen, die sich (noch) als praktizierende
Katholiken verstehen, die an ihrer Kirche mitunter verzweifeln und
doch den Weg in die Zukunft mit ihr gehen wollen, müssen sich
verraten fühlen. Denn die Probleme sind riesengroß und reichen vom
Missbrauchsskandal über den Streit um den Zölibat und die
Sexualmoral bis zur Rolle der Frau. Dass das Schreiben des
»Päpstlichen Rats der Gesetzestexte« punktgenau zur Fuldaer
Vorbereitungskonferenz des Reformprozesses »Synodaler Weg« bekannt
wird, ist gewiss kein Zufall. Es ist ein bewusster Angriff auf die
Reformbestrebungen und eine Ohrfeige für das Zentralkomitee der
Katholiken. Umso bewundernswerter, dass ZdK-Präsident Thomas
Sternberg sagt, man werde den »synodalen Weg« gemeinsam mit den
deutschen Bischöfen fortsetzen. Doch die Zeichen der Zeit deuten
einen anderen Weg: Schon ist erkennbar, dass die Deutsche
Bischofskonferenz den Konflikt mit dem Vatikan scheut und so
sämtliche Veränderungsbemühungen ad absurdum führt. Man kann nur
beten, dass es Kardinal Reinhard Marx, dem Vorsitzenden der
Deutschen Bischofskonferenz, mit seinem großem Einfluss auf die
römische Kurie gelingt, daran noch etwas zu ändern. Dabei steht
Marx auch persönlich unter Druck, hatte er doch jüngst erst eine
regionale Lockerung des Zölibats ins Gespräch gebracht. Nun sieht es
aber so aus, dass sich im Machtkampf der deutschen Bischöfe einmal
mehr das erzkonservative Lager um den Kölner Kardinal Rainer Maria
Woelki durchsetzt. Die Kirche sei »nicht demokratisch strukturiert«
heißt es in dem Gutachten vielsagend. Doch das kann keine
Begründung dafür sein, dass dem Vatikan die ihm anvertrauten
Gotteskinder egal werden. Bleibt die römische Kurie jedoch bei ihrer
Haltung, macht sie die katholische Kirche in Deutschland früher oder
später überflüssig.

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